Freitag, 14. Januar 2011

00 Nalea - Die Vergessenen


Als Gott die Erde zerstörte, geschah das genau so, wie es vor langer Zeit durch seine Propheten der Menschheit kundgetan wurde. Jahrelang litt alles Leben unter den Strafen, die aufgrund der menschlichen Dummheit wie eine Kaskade göttlicher Gerechtigkeit unter die Menschen fielen.
Das Ende dieses Planeten zog sich hin, schien Ewigkeiten zu dauern und doch war es viel zu schnell vorbei.
Endlich war das göttliche Gericht auf Erden beendet und der Planet hätte von allem Leben befreit sein sollen ...
Doch es kam anders.
Über einige Menschen war das göttliches Gericht hinweggefegt, ohne sie zu vernichten. Lange wunderten sie sich, wieso der apokalyptische Gott, den es ja sehr offensichtlich zu geben schien, sie verschont hatte. Doch sie erhielten niemals eine Antwort auf dieses Mysterium.
Und es schien auch nie wieder ein Gott seine Gedanken in ihre Mitte zu richten. So nannten sie sich Nalea, die Vergessenen.
Jahrhunderte später hatten sich sechs Großvölker gebildet und die Vergangenheit wurde totgeschwiegen. Sie verstummte selbst in den dunkelsten Winkeln, wo man sich vielleicht von Zeit zu Zeit noch das Leben vor dem apokalyptischen Ende in Erinnerung flüsterte. Doch mit jeder weiteren Erzählung wurde die Geschichte noch fantastischer, noch unglaublicher - bis sie nur noch als Mythos zwischen den Blicken der Alten hängen blieb und schließlich mit eben diesen vollständig aus den Gedanken der Nalea verschwand.
Stattdessen traten andere Dinge in den Vordergrund, die vor dem Ende nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt worden waren. Denn die Nalea entdeckten, dass jeder einzelne von ihnen mit besonderen Gaben auf die Welt gekommen war, die nichts mit der berechnenden Logik gemein hatte, die vor dem apokalyptischen Ende alles Leben zu beherrschen schien. Gaben, die damals nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt, öffentlich belächelt oder verurteilt wurden. Im Extremfall hatten die Begabten unter ihren Fähigkeiten gelitten, da sie als Bedrohung galten.
Die folgenden Jahrhunderte des Vergessens gaben den Nalea die Zeit, einen Glauben in sich zum erblühen zu bringen. Knappe fünf Jahrtausende nach dem Gericht Gottes herrschten die sechs Großvölker auf der Erde, die durch ihre Andersartigkeit schließlich eine Blütezeit erleben sollten, wie sie nicht einmal in den Gedanken der größten Träumer vor dem Gericht möglich war.
Und so richtet sich, wie in den vergangenen Jahrtausenden, alle Aufmerksamkeit dieser Völker auf den Tempel der Gaben – Raque.
Dort, so besagten die Legenden, hatten sich die Urväter und Urmütter der heute herrschenden Großvölker geschworen, einen Neubeginn mit Hilfe des Wissen über die Vergangenheit und mit ihrer Vorstellung von der Zukunft zu wagen. Nach ihnen hatten sich diese Völker benannt.
Basinu, der Begabtenvater des Feuers, der Luft, der Erde und der Kraft.
Shual, die Begabtenmutter des Wassers, der Ruhe, des Sturms und der Vergessenheit.
Tiuela, die Begabtenmutter des Wissen, des Verstandes, der Psyche und der absoluten Kontrolle.
Vivoesatuu, der Begabtenvater des Lebens, des Todes, der Macht und aller Tugenden.
Sinial, der Begabtenvater der Nacht, der Stimmen und Klänge, der Träume und der Illusionen.
Und schließlich Boe, der Begabtenvater des verschwiegenen Volkes …

Außer dem Volk der Boe hatten diese Menschen über all die Jahrtausende Generation über Generation von Auserwählten nach Raque entsandt, um diese dort zu Gabensammlern und Gabenhütern ausbilden zu lassen – auf dass die Nalea nicht nochmals in Vergessenheit geraten würden. Sie waren für die Fähigkeiten in ihren Völkern verantwortlich - sie lernten, mit allen Gaben umzugehen, sie zu beherrschen und im äußersten Fall andere Gaben einschlafen zu lassen.
Jetzt, nach fünf Jahrtausenden waren die Völker spürbar aufgewühlt. Es musste etwas Außergewöhnliches passieren, dass die Boe aus ihrer Abgeschiedenheit auftauchten. Jedem einzelnen war klar, dass die Gabenschüler dieser Generation eine besondere Gruppe von Menschen sein würde, die in den Tempelbergen ausgebildet werden sollten.
So zeigte sich, dass die Basinu ihren Thronerben, den Prinzen Alaric auf Raque schicken würden. Für die Tiuela war ihre Priesteranwärterin Nisha auserkoren - ihre engste Vertraute und Freundin Janan von den Shual würde ebenfalls nach Raque reisen. Die Vivoesatuu würden ihre Energietochter Tuulikki entsenden und der Kriegsherr Ehud würde die Sinial vertreten.
Dies alles war seit zwei Jahren unter den Völkern bekannt und seitdem wurden die Erwählten auf besondere Weise vorbereitet. Doch die Entsendung war diesmal ein Ereignis, das durch seine Einzigartigkeit in aller Munde war. Denn das erste Mal seit vier Jahrtausenden würden nun endlich auch die Boe einen aus ihren Reihen Erwählten nach Raque schicken, statt unter sich zu bleiben. Aber wer diese Person war, schien niemand zu wissen – nicht einmal die Boe selbst. Alles, was bekannt war, wurde nur hinter vorgehaltener Hand erzählt und scheinbar wusste nicht einmal ihre Herrscherin, wo ihr Raqueschüler war. Sie sagte nur immer wieder, die richtige Person würde zur rechten Zeit in den Tempelbergen eintreffen ...
Und so waren zwei Jahre ins Land gezogen und fünf Auserwählte machten sich auf die lange Reise nach Raque. Innerhalb eines Jahren würden sie ihre Ausbildung beendet haben - rechtzeitig zur Jahrtausendwende, wie es in einer der Schriftrollen der Herrscherin der Boe vorhergesagt war ...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen